Q wie Qualzucht

„Einmal Mops – immer Mops“. Diesen Spruch höre und lese ich immer wieder, wobei die Rasse austauschbar ist. Wir Menschen sind nun einmal leicht prägbar. Ich nehme mich davon nicht aus, bin ich doch mit einem Dackel aufgewachsen und fühle Herzklopfen bei jedem tiefergelegten Hund mit Schlappohren und langem Rücken. Was daraus folgt, ist leider eine Unvernunft, mit der wir viel Schaden anrichten und viel Leid verursachen. Qualzucht ist das Ergebnis einer erhöhten Nachfrage nach Tieren einer Rasse, für die es zu verschrobene Schönheitsideale und zu wenig gesunde Zuchttiere gibt, gekoppelt mit der Sucht nach Statussymbolen.

So sieht häufig die “liebevolle Aufzucht” von massenweise produzierten Welpen aus

Inzucht, das lernen wir schon früh im Biologieunterricht, kann ziemlich negative Auswirkungen zeigen. Das zeigte sich in früheren Jahrhunderten immer wieder durch Erbkrankheiten in adligen Familien, beispielsweise mit der Bluterkrankheit. Kommt eine Haustierrasse in Mode, erwächst daraus vor allem ein lukratives Geschäft für Vermehrer. Diese besorgen sich wenige Tiere der Rasse und produzieren damit Nachwuchs en más, Quantität vor Qualität. Ob die Elterntiere gesund sind und von der Genetik zueinander passen – egal. Der Profit ist wichtig.

Auf der anderen Seite wartet der Käufer auf Ware, und zwar für möglichst wenig Geld. Selbst wenn verantwortungsvolle Züchter ihre Welpen mit geprüften Papieren anbieten, vielen Kunden ist der Preis das stärkere Argument. So kommt es zu den entsetzlichen „Welpenfabriken“, aus denen dann zu junge, kranke Tiere illegal durch halb Europa transportiert und schließlich den neuen Besitzern übergeben werden. Letztere wollen jedes Märchen über die liebevolle Aufzucht des Hundebabys glauben und werden nicht einmal bei Impfpässen aus polnischer Herkunft stutzig. Sie wachen frühestens auf, wenn das arme Tier in den ersten Wochen schon mehrere hundert Euro für Arzt und Medikamente gekostet hat. Später stellen die fürsorglichen Hundehalter fest, dass auch die vererbten Schäden an Atemwegen, Bewegungsapparat oder Immunsystem verdammt teuer werden. Und damit ist nur die finanzielle Seite der Misere beschrieben. Das (lebenslange) Leid der armen Kreatur lässt sich kaum in Worte fassen.

French Bulldog
Was ist niedlich an Atemnot, entzündeten Hautfalten, deformierten Wirbelsäulen und Gelenken? (Bild: Elioenai Martin, Pixabay)

Der enge Genpool und die absurden Schönheitsideale fordern auch in „seriösen Zuchten“ ihren Tribut. Dabei fällt immer wieder die konsequente Ignoranz vieler Vermehrer und selbst ihrer Verbände auf. Obwohl das Thema alles andere als neu ist, findet man bis heute kaum ein Gegensteuern. Im Gegenteil, manche als Rassemerkmale verharmloste Perversionen werden heute sogar noch stärker hevorgestellt, als noch vor einigen Jahren. So gestalten sich Zuchtausstellungen zu Absurditätenkabinetten, und es ist eine Ausnahme, dass bei solchen Gelegenheiten Amtstierärzte ihre Pflicht ausüben und Tiere ausschließen. So geschehen in diesem Jahr auf der Internationalen Hundeausstellung in Graz (darüber berichtete z.b. YourDog umfangreich). Leider ein sehr seltenes Vorkommnis. Dabei hätte jeder Kontrolleur das Gesetz hinter sich, wenn er die öffentliche Zurschaustellung eines Tieres untersagt, bei dem laut § 11 Tierschutzgesetz „…erblich bedingt Körperteile oder Organe für den artgemäßen Gebrauch fehlen oder untauglich oder umgestaltet sind und hierdurch Schmerzen, Leiden oder Schäden auftreten“ oder „…die Haltung nur unter Schmerzen oder vermeidbaren Leiden möglich ist oder zu Schäden führt“.

Flyer gegen Qualzucht von der Bundestierärztekammer
Aufklärung tut not. Die Bundetierärztekammer bringt dazu Flyer mit Informationen zum brachycephalen Syndrom (für Download klick aufs Bild)

Das Thema Qualzucht ist nicht neu, und das Problem bleibt selbsterhaltend, solange Menschen das Leiden der Lebewesen ausblenden, weil sie unbedingt ein Tier aus dieser einen Rasse haben müssen. Weil eine Hotelerbin als Trendsetter so einen Miniatur-Chihuahua durch die Gegend schleppt. Weil der Frenchie mit den großen runden Augen und der kleinen Nase so süß ist. Weil der Shar Pei mit seinen überdimensionierten Falten so lustig aussieht, oder weil der Basset so einen tollen Charakter hat… Es gibt immer einen Grund, am Modetrend teilzunehmen. Leider nicht im Sinne der Kreatur.

Um nicht noch mehr unbeabsichtigte Werbung für die betroffenen Rassen zu machen, hat die deutsche Tierärzteschaft schon Ende 2016 mit einem offenen Brief an Unternehmen appelliert, keine Hunde und Katzen mit Qualzuchtmerkmalen als Werbeträger zu benutzen. Erstaunlich viele Firmen haben das zugesagt, teilweise mit dem Geständnis, man habe über den Zusammenhang von hoher medialer Präsenz und den tierquälerischen Folgen der daraus mit-verschuldeten Nachfrage bisher nie nachgedacht. Die Arbeitsgruppe Qualzuchten, die sich aus Vertretern der großen deutschen Veterinärverbände zusammensetzt, engagiert sich jetzt für ein gesetzlich verankertes Ausstellungs- und Prämierungsverbot von Tieren mit Qualzuchtmerkmalen.

Immer wieder fordern einzelne Tierärzte komplette Zuchtverbote. Wenn man sich bewusst macht, dass in manchen Rassen bis zu 85 % der Tiere angeborene Wirbelsäulendeformierungen oder verkrüppelte Atemwege aufweisen, möchte man dem zustimmen. Solange aber die Gier nach den niedlichen kleinen Knautschgesichtern weiterhin die Produktion von „Wühltischwelpen“ anfeuert, sind derartige Ansinnen Schaumschlägerei. Es muss weiter auf Aufklärung und die Einsicht der Hundekäufer gesetzt werden. Und wer trotz aller Argumente unbedingt ein vierbeiniges Prestigeobjekt haben muss, der muss eben finanziell bluten, durch hohe Tierarztkosten.

Über Qualzucht spricht man bei Hunden diverser Rassen, aber auch bei Katzen, Kaninchen und weiteren Tieren. Peta hat eine Liste zusammengestellt mit Erläuterungen, warum die an- und überzüchteten Merkmale das Tier ein Leben lang behindern (hier klicken). Eine weitere umfangreiche Liste der betroffenen Hunderassen findet sich hier.

 

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F wie Fake News

Fake News im www – da kann man schonmal in Panik geraten

Alle Jahre wieder stirbt der Hundehalter tausend Tode. “Fressnapf verteilt Futterproben – Achtung vergiftet!!!” schallt es durch die sozialen Netzwerke und Messagedienste. Die Hundemuddi kennt ihre Pflichten. Ohne Zeit zu verlieren drückt sie auf “teilen”. Der Shitstorm erwacht schneller als jeder Tornado und fegt mindestens ebenso vernichtend über die Futterfirma hinweg. Erste Besonnene weisen darauf hin, dass der Ausgangspost vier Jahre alt ist. Die Schoßhundlobby ist entsetzt: “Waaas – das haben die schonmal gemacht? Diese Verbrecher! Man sollte sie…” Dass inzwischen inflationär der Link zu mimikama verteilt und damit die Nachricht als klassischer Fake entlarvt wird, dringt erst langsam ins Bewusstsein der besorgten Muddi. Das ist ihr jetzt doch peinlich, dass sie auf diesen uralten Schwindel reingefallen ist. Dazu sagt sie mal lieber nix mehr (und geteilt wird die Entwarnung auch nicht).

Andere beliebte Horrormeldungen, die alle paar Jahre wieder durch die Weiten des Netzes schocken, sind zum Beispiel die Hundefänger im weißen Transporter (mit Foto als Beweis) oder die Swiffer-Tücher, nach deren Gebrauch die haushaltseigenen Haustiere übelste Vergiftungen erleiden. „Ich kenne einen, von dem hat die Frau vom Cousin seiner Freundin… oder war es der Neffe? Egal, stimmt aber auf jeden Fall! Sei blooooß vorsichtig! Und teile das hier so oft es geht, damit nicht noch mehr Tiere leiden müssen!“ , so der Tenor der Kommentare. Liebe Leute, verzichtet bitte darauf, derartige Räuberpistolen weiter zu (ver)teilen und nutzt die gewonnene Zeit für Spaziergänge oder Spieleinheiten mit euren vierbeinigen Lieblingen.

Auf facebook hat die mimikama-Gruppe “ZDDK – Zuerst denken dann klicken” 710.000 Abonenten

An dieser Stelle mal ein herzliches Dankeschön an die Faktenchecker bei mimikama (gespendet habe ich schon!). Unsere online-Polizei, erfolgreiche Fake-Fahnder der ersten Stunde. Wie oft habe ich schon bei (für mich) unglaubwürdigen Meldungen auf eurer Seite die Suchfunktion bemüht und schmunzelnd oder genervt eure beispielhaft sachliche Aufklärung mit der Welt geteilt. Like!

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A wie Autokorrektur

Beispiel für Autokorrektur: Freue mich auf Regen Austasuch
Möchte jemand Regen tauschen?

Der moderne Mensch, genannt Homo mobilis, erledigt nicht nur die persönliche Kommunikation über Messengerdienste, immer mehr Menschen haben ihre Arbeit von Computer oder Laptop aufs Handy verlagert. Leider ist die Eingabemöglichkeit nicht besonders ergonomisch. Die winzigen Buchstabenfelder sind leicht zu verfehlen. Bei der automatischen Spracherkennung kommt es häufig zu Missverständnissen. Zum Glück schnitzt die Autokorrektur aus jedem Buchstabenwirrwar ein existierendes Wort. Das aber muss nicht im Mindesten mit dem sonstigen Inhalt harmonieren. Daraus ergeben sich sehr witzige Aussagen – hier kommen einige Beispiele. Sie entstammen alle verschiedenen Foren und Facebook-Gruppen mit Bezug zur Tiermedizin.

  • So verwandeln sich Giardien wahlweise in Geranien oder Gardinen. Woanders hat ein Hund Kokoziden (es sollen Kokzidien sein).
  • In einer Online-Diskussion über Wurmkuren schreibt jemand: “Kostprobe ist nicht immer aussagekräftig” – Das denke ich auch, ich würde es mit einer Kotprobe versuchen.
  • Eine Hundehalterin beschreibt: “Seine Symptome waren Bauschschmerzen, Spuken und Fieber.” – Gruselig, oder? Vermutlich wollte sie “spucken” schreiben.
  • Eine andere vermutet bei ihrem Hund etwas ähnliches “wie Morbus Chrom” – Morbus Edelstahl wäre vielleicht günstiger? (Sie meinte sicher Morbus Crohn)
  • Aus dem Winter: “Ich habe einen ohrenschutz wärmer für Wundhunde gehabt” – Echt jetzt, Wundhunde? Neue Rasse? Oder doch Windhunde?
  • „… denn man sieht mal wieder, dass diese Prophylaxe mehr als flüssig ist.“ – … wenn nicht sogar überflüssig!
  • “Als sie zu mir kam hat sie leider Gottes Flöhe mitgebracht…” – Gott hatte Flöhe? Gut, dass die jetzt auf dem Hund sind! LOL – Das hat jetzt weniger mit der Besserwisser-Korrektur zu tun, denn von der Rechtschreibung her ist es korrekt, nur leider Gottes missverständlich aufgrund des Satzbaus.
  • Hier fehlte die Autokorrektur: “Dieser kleine Rüde, 2 Jahre, wird ein Scheidungsweise !!!!!!!” – Schön, dass er weise wird, als Waise hätte er mir leid getan!
  • “Ich war mit meinem Hund 12 Jahre beim Tierarzt…” — die Tücken der Zeichensetzung. War sie wirklich 12 Jahre lang beim Tierarzt? Die arme…. Oder war sie mit ihrem Hund, 12 Jahre, beim Tierarzt? Werden wir es je erfahren?
  • “Mein Kater wurde eben auf dem Balkon von einer Wespe gestochen. Er hat direkt seine Pfote abgelegt.” – Nanu – braucht er die nicht mehr? Oder hat er sie abgeleckt?
  • “Er ist in schulmedizinischer Behandlung, wird 2 x am Tag gelästert, gespült und…” – Ach Gottchen… zweimal täglich lästern ist wirklich nicht gesundheitsfördernd. Vielleicht hilft lasern?
  • Schaffensbekämpfung statt Schadensbegrenzung - Autokorrektur aktiv
    Ein typisches Beispiel für sinnlose Worterkennung. Hier fiel es rechtzeitig auf

    “Bitte kontrollieren lassen und einen Abzug einschicken lassen” – Der wohlmeinende Rat auf die Frage, ob zwei Knubbel an der Hundeseite Grund für einen Tierarztbesuch seien. Was der Abzug soll und wohin sie ihn schicken soll, wurde leider nie geklärt.

  • “Popkultur wurde angelegt” – Sehr unterhaltsam, aber kann man damit einen Pilzverdacht klären?
  • “Wir haben einen Futterbaum mit hochwertigem hypoallergenem Trockenfutter” – Hier bin ich reingefallen! Ich dachte, dass die Autokorrektur den Futterbaum erfunden hat, denn dass Katzenfutter auf Bäumen wächst, wäre mir neu. Es gibt aber tatsächlich baumförmige Futterlabyrinthe, die die Katze zum Spielen und Langsam-Fressen animieren!
  • “Auf jedenfalls nicht mit den Finger dran rum wichen. Die sind immer schmutzig. Was wir alles anfallen im laufe des Tages.” – Vorsicht vor dieser Posterin – scheint gefährlich zu sein, neigt zum anfallen.
  • … und dann liebe ich noch aus den Kleinanzeigen den Hinweis “Aus nichtraucherfreiem Haushalt”

K wie Klimasünder

Es ist DAS Thema unserer Zeit: Wie groß ist der ökologische Fußabdruck eines jeden von uns? Das aktuelle mediale Trommelfeuer lässt kaum jemanden unberührt. Ob beim Autofahren, Essen, Shoppen oder bei der Reiseplanung… Auch ich mache mir immer häufiger Gedanken über die Auswirkungen meines Tuns auf die Zukunft dieser Erde.

Rette sich wer kann – auch Hunde hinterlassen einen ökologischen Pfotenabdruck (foto: K. Wald)

 

Und so kann ich auch diese Aussage nicht ignorieren: Wer einen Hund hat, ist ein Klimasünder. Also bin ich aktuell drei Klimasünder – sorry, Spaß beiseite. Das Thema ist zu ernst.

Denn Fakt ist: Haustiere verschlechtern die persönliche CO2-Bilanz. So berechnete das Internetportal Utopia, dass für die Haltung einer Katze jährlich 2,2 Tonnen Kohlenstoffdioxid entstünden – durch die Futterherstellung inklusive der Verwertung von Dosen und Tüten sowie durch die Produktion und Entsorgung von Katzenstreu. Ein Dackel komme da etwas günstiger mit 1,8 Tonnen, aber schon ein mittelgroßer Hund hinterlasse einen ähnlich großen CO2-Fußabdruck wie ein Geländewagen.

Die Werte sind natürlich umgerechnet. Im Gegensatz zu Kühen pupsen Katzen und Hunde relativ wenig klimaschädliches Gas in die Luft. Hauptgrund für die Umweltbelastung ist ihr Fleischkonsum. Das Portal Scinexx rechnet aus: „Die rund 163 Millionen Hunde und Katzen in den USA konsumieren jährlich so viele Kalorien wie die gesamte Bevölkerung Frankreichs – oder wie 60 Millionen Amerikaner.“ – „In Bezug auf Landnutzung, Wasserverbrauch und die Verbrennung fossiler Brennstoffe hat die Futterversorgung der Hunde und Katzen eine Umweltwirkung, die rund 25 bis 30 Prozent von der des Menschen ausmacht“, zitiert das Scinexx den Forscher Gregory Okin von der University of California in Los Angeles, „bei Phosphat und Pestiziden sind es rund 26 Prozent.“

Das ist heftig. Die Krux: Je besser ich meine Hunde ernähre, desto schlechter für das Klima. Denn hochwertige Fütterung bedeutet gemeinhin einen hohen Anteil an gutem Fleisch. Das heißt, für meine Hunde müssen zusätzliche Hühner, Rinder und andere Nahrungslieferanten gehalten werden. Günstiger für ihren ökologischen Pfotenabdruck wäre der Napf voll billigem Trockenfutter, das fast nur Schlacht- und Getreideabfälle enthält.

Andererseits ist Trockenfutter sehr energieintensiv in der Herstellung – verflixt, das Thema ist komplex, bleiben wir beim Fleisch. Um die Klimaschutzziele von Paris zu erreichen, sagen Forscher, muss der Nutztierbestand in Deutschland bis 2050 halbiert werden, und die Menschen hierzulande sollten nur noch halb so viel tierische Produkte essen wie heute (Quelle: taz). Wie viele Haustiere darf ich artgerecht ernähren, wenn ich selbst verzichte? Oder muss ich, der Umwelt zuliebe, meine Hunde abschaffen? Und am besten mich selbst gleich mit?

printscreen aus einem Selbsttest zur Messung des persönlichen CO-2-Fußabdrucks
Wer den Selbsttest bei mein-fussabdruck.at macht, beantwortet auch die Frage nach der Anzahl der Hunde – und ihrer Nutzer

Es ist für Bewohner der Industriestaaten schwierig bis unmöglich, ein klimaneutrales Leben zu führen. Man kann allenfalls die Belastung begrenzen, Tag für Tag unzählige Male ein kleineres Übel wählen. Bahn statt Auto fahren, lokales Bio- statt importiertes Industriegemüse essen, den Konsum beschränken, den Müll durch bewussten Einkauf reduzieren… Es gibt unzählige Möglichkeiten. Ein resigniertes „Was kann ICH alleine schon aufrichten…“ ist die schlechteste. Jedes Kilo CO2 ist wichtig. Jedes Gramm chemisch-synthetischer Pflanzenschutzmittel weniger ist ein Gewinn.

Jedes Haustier weniger auch? Es gibt andere Forscher mit anderen Zahlen, die das persönliche Gewissen nicht so stark strapazieren. Für die Schweiz errechnet Niels Jungbluth, Geschäftsführer der auf Ökobilanzierung spezialisierten Firma EU-Services, dass Haustiere nur ein Prozent der durch Konsum verursachten Umweltbelastung ausmachen. Weit davor stünden Mobilität, Ernährung und Wohnen.

Und kaum zu bilanzieren sind die Vorteile unserer vierbeinigen Lieblinge für die Volksgesundheit. Katzen senken den Blutdruck und Hunde sorgen für Bewegung. Und das ganz ohne Abgase – wenn man darauf verzichtet, mit dem Auto ins Grüne zum Gassi zu fahren.

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W wie Wirtschaft

Hundeschnauze mit Ball
Umsatzgarant Hund – für Spielzeug und anderes Zubehör greifen deutsche Tierhalter tief in die Tasche

Nie waren sie so wertvoll wie heute – unsere Haustiere. Im Jahr 2014 stellte die Uni Göttingen in einer Studie fest, dass deutsche Hundehalter allein für Hundefutter im Jahr etwa 1,7 Milliarden Euro ausgaben – Tendenz steigend. Dazu kommen immense Umsätze für Zubehör, Pflege und Gesundheits-Versorgung. Die Heimtierbranche in Deutschland wuchs sogar während der Wirtschaftskrise vor rund zehn Jahren, während so gut wie alle anderen Sektoren stagnierten oder schrumpften.
Werfen wir mal einen Blick in einen Fachhandel für Haustierzubehör. Früher gab es im Supermarkt ein bis zwei Regalmeter mit Nass- und Trockenfutter. Das war, nachdem mit Frolic und Chappi als Testraketen eine Ahnung aufkam, dass man mit Futter speziell für Hund und Katze Umsätze generieren kann. Die Abteilungen in den Märkten wuchsen, irgendwann gab es spezielle Einzelhandelsgeschäfte nur für das Tier. Und dann kamen die Ketten. Fressnapf, Futterhaus und Ähnliche bieten auf hunderten Quadratmetern tausende von Artikeln für Hund / Katze / Maus und andere tierische Mitbewohner.
Begleiten Sie mich auf einen Bummel durch den Markt? Eigentlich brauche ich nur Gemüseflocken als Ergänzung zur täglichen Frischfleischration meiner Fellnasen. Auf dem Weg dahin springen mir Kauartikel in den Weg. Ach richtig, meine Freundin hatte getrocknete Kaninchenohren empfohlen – gut für die Zähne und Teil der natürlichen Wurmprophylaxe*. Schon liegt eine Großpackung in meinem Einkaufskörbchen. Daneben ein paar Pansenstreifen, die mögen die Jungs so gerne. Naddel bevorzugt getrocknete Lunge, muss also auch mit.

Golden Retriever mit Kauknochen
Was Bello so braucht – Futter, Knabberzeug und Leckerli darf gerne etwas mehr kosten

Weiter geht es durch die Regale zum Hundespielzeug. Mir fällt ein, dass Ayla Bodos Plüschi zerbissen hat. Und ohne kann er nur schlecht leben. Was nehme ich? Es gibt hunderte von Hundespielzeugen, aus unterschiedlichsten Stoffen, mit Quietschfunktion (welches in Bodo sofort und nachhaltig das Suchtzentrum aktiviert) und ohne, in diversen Größen, bunten Farben und natürlich in allen Preislagen. Vor allem höheren. Ich kann mich nicht entscheiden und kaufe schließlich einen Dummy aus Gummi, eine Comicfigur aus Stoff und – für Schlechtwettertage – ein Strategiespiel.
So, jetzt fehlen nur noch die Gemüseflocken. Dummerweise muss ich dahin die Textilabteilung durchqueren. Und das Naddelchen friert doch immer so. Die neue Kollektion ist soeben eingetroffen! Jedes Mal, wenn ich meiner Püppi einen neuen Mantel besorgt habe, weiß ich hinterher, wie das Modell noch besser aussähe und vor Kälte schützen würde. Und jetzt, heute, hier, ist der tollste Mantel aller Zeiten, mit extra langem Bauchlatz und vielen reflektierenden Streifen, und dazu noch warm gefüttert und todschick. Im Gegensatz zur Konfektionsgröße meines Lebenspartners habe ich Naddels Maße im Kopf.
Neben den Gemüseflocken stoße ich auf Nahrungsergänzung. Und daran kann ich nie vorbeigehen, ohne mich über Neuigkeiten zu informieren und das Beste vom Besten für meine Lieblinge einzusacken. Wie haben eigentlich die Hunde bis ins 20. Jahrhundert überlebt, als es noch nicht hunderte von Mineral-, Vitamin- und Wunderzusätzen gab? Eigentlich unglaublich. Ich meine, die armen Tiere hatten doch schon damals Bedürfnisse! Das muss doch alles ausgewogen sein… Vier verschiedene Dosen wandern in meinen inzwischen gut gefüllten Einkaufskorb.
So, jetzt nur noch die Flocken. Da es verschiedene Sorten gibt, entscheide ich mich für die besten und die allerbesten. Alles für den Dackel, alles für den Hund.

Kleiner niedlicher Hund im roten Mäntelchen
Immer gut angezogen – die Zeit des nackten Fells ist vorbei – fotos: pixabay

Auf dem Weg zur Kasse passiere ich rein zufällig die Hundebettenfachabteilung. Eigentlich brauchen wir nichts… aber wenn ich so recht drüber nachdenke, ist die Schlafstätte von Ayla schon etwas olle. Und es gibt so hübsche neue Modelle, dazu mit Memory Foam – die ideale Unterlage für den älteren Hund. Mir wird sofort klar, dass Naddel und Charly ja wohl zweifelsohne in dem Alter sind, dass sie ein orthopädisches Bett brauchen. Und Bodo soll dabei auch nicht in die Röhre gucken. Ich brauche einen zweiten Einkaufswagen.
Kurz vor der Kasse empfängt mich schließlich eine Aktionsfläche mit dem letzten Schrei: Hundeleckerli auf Basis von frischen Früchten. Die Verpackung lässt eher auf einen Smoothie schließen als auf Drops für Vierbeiner. Gleich daneben die neue Halsband-Kollektion. Ein Must-Have… Bei der Vorstellung, wie niedlich meine vierbeinigen Lieben in ihrem Partnerlook aussehen werden, wird mir warm ums Herz.
Beim Bezahlen muss ich angesichts des Gesamtbetrages dann doch schlucken. Wollte ich nicht nur Gemüseflocken? Schnell überschlage ich meine geplanten Anschaffungen. Die Terrassenmöbel werden wohl noch ein Jahr länger halten müssen… Aber was soll’s, meine Süßen sind es mir wert. Jeden Cent…
Im Jahr 2017 betrug der Gesamtumsatz der Heimtierbranche in Deutschland fast 5 Milliarden Euro.

* Zu diesem Thema gibt es mehr Lesefutter von Annette Dragun: “Tierisches Risiko – Parasiten und Prophylaxe beim Hund”

H wie Hysterie

Ein großer Teil des gesellschaftlichen Lebens spielt sich heute online ab. Auch Hundebesitzer treffen sich im Netz, diskutieren und fachsimpeln, tauschen sich aus über Lunas Aua und Brunos poop (wie der Amerikaner die Häufchen nennt), prahlen mit den Heldentaten ihrer haarigen Lieblinge, belehren einander mit Erziehungstipps und – beschimpfen sich.

Zum Beispiel, wenn eine Hundemama (zu 90 Prozent tummeln sich besorgte Frauchen in Foren und Sozialen Medien) in einer digitalen Interessengemeinschaft zugibt, sie habe ihrem allerliebsten Hündchen „etwas gegen Flöhe“ gegeben. Das gibt Mecker. Digitale Gruppenkeile. Die Messer sind gewetzt, die verbale Hinrichtung beginnt, Tenor: Wie man seinen Hund vorsätzlich vergiften kann!?! Die Diskussion endet mit dem Rückzug einer Partei. Entweder die vermeintliche Tierquälerin verzichtet darauf, sich weiter zu verteidigen. Oder die Anklagebank verstummt, nachdem die Schuldverdächtige hochmütig erklärt, dass es sich bei dem Flohmittel selbstverständlich um ein pflanzliches, natürliches, veganes, glutenfreies, biologisches, politisch korrektes gehandelt hat.

Hitzige Diskussionen toben im Weltweiten Netz – foto:  andreas160578/pixabay –

Auch in manchen Gruppen für Tiergesundheit, die ich aus beruflichem Interesse gelegentlich konsumiere, gibt es musterhafte Kommunikationsformen. Es winkt Beratung für alle Felle, von Tierbesitzern für Tierbesitzer. Und so postet der naive Neuzugang ein unscharfes Foto von einer kaum zu erkennenden Haut- oder Fellveränderung, oder er beschreibt sehr kurz und sehr allgemein eine leichte Gesundheitsstörung seines Wauzis mit der hoffnungsvollen­ Frage: „Was kann das sein? Hat das schonmal jemand gehabt?“ – Spätestens Kommentator Nummer 3 schickt den Fragesteller direkt zum Tierarzt: „Dr. Google hilft dir da nicht weiter!“ Und kaum weniger lange dauert es, bis ein hysterisches Gruppenmitglied den Killer rausholt, den ultimativen Verfolgungswahn der aufgeklärten Tierhalter: „Hat dein Hund kürzlich eine Impfung (Wurmkur? Flohtropfen?) erhalten? Das sind alle Nervengifte!“

Die weitere Diskussion wird nach 25 bis 90 Kommentaren vom Administrator geschlossen, bevor die ausgetauschten Beleidigungen strafrechtlich relevant werden. Vorher aber haben mindestens vier Teilnehmer noch den Klassiker eingeworfen: „Da musst du barfen!“.

Überhaupt barfen. Ich liebe folgenden Post eines unbekannten Verfassers: „Wenn ich mal Langeweile habe, frage ich in der Gruppe ‚Gesunde Hundeernährung‘, was besser ist: Frolic oder Chappi.“ Denn da kommt Stimmung auf! Das digitale Hauen und Stechen rund um die perfekte Fütterung der Haustiere ist um Welten unterhaltsamer, als jeder Best of-Zusammenschnitt von „Ich bin ein Star… holt mich hier raus“. Gleiches gilt für Impfdiskussionen, Meinungen zur Hundeerziehung oder die Frage nach dem einzig wahren Hundetrainer. Am Ende meiner online-Lektüre denke ich immer: Dass Social Media und Sado Maso die gleichen Initialen tragen, kann kein Zufall sein.

Mehr Lesefutter für Hundehalter: Bücher von Annette Dragun